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Offener Brief von Michaela Huber: Stoppt die Zerstörung der psychotherapeutischen Versorgung in Deutschland!

Offener Brief von Michaela Huber: Stoppt die Zerstörung der psychotherapeutischen Versorgung in Deutschland!

Offener Brief von Michaela Huber Approbierte Psychotherapeutin, Ausbilderin, Supervisorin und Autorin Past-President der DGTD e.V. Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft für bedarfsgerechte Nothilfe

April 2026

An Bundesgesundheitsministerin Nina Warken, den Deutschen Bundestag sowie an die Öffentlichkeit

Sehr geehrte Frau Ministerin Warken, sehr geehrte Damen und Herren,

als Psychotherapeutin, Ausbilderin, Supervisorin, Autorin, Past-President der DGTD e.V. und Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft für bedarfsgerechte Nothilfe wende ich mich heute mit größter Dringlichkeit an Sie – und an alle, die Verantwortung für die psychische Gesundheitsversorgung in diesem Land tragen.

Was seit dem 1. April 2026 geschieht, ist keine Sparmaßnahme. Es ist eine politische Entscheidung gegen die verletzlichsten Menschen unserer Gesellschaft.

Der Erweiterte Bewertungsausschuss hat auf Druck des GKV-Spitzenverbandes die Honorare für psychotherapeutische Leistungen um 4,5 Prozent abgesenkt – gegen die ausdrückliche Ablehnung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, gegen den Widerstand aller relevanten Fachverbände und gegen die Empfehlungen der eigenen Fachleute. Gleichzeitig hat das Bundesministerium für Gesundheit einen Referentenentwurf vorgelegt, der 66 weitere Kürzungsmaßnahmen enthält. Überproportional viele davon treffen erneut die Psychotherapie.

Ich erlebe in meiner täglichen Arbeit mit Patientinnen und Patienten, in der Supervision von Kolleginnen und Kollegen und durch unsere Selbsthilfegruppe „Stress- und Traumafolgestörungen“ mit über 5.600 Mitgliedern, was diese Entscheidungen im Leben konkreter Menschen bedeuten. Es sind Menschen, die sich keinen Privattherapieplatz leisten können. Menschen, die bereits heute monatelang warten – in Bayern durchschnittlich 97 Tage. Menschen, die jeden Tag darum kämpfen, arbeitsfähig zu bleiben. Und nicht wenige kämpfen darum, überhaupt zu überleben. Mich erreichen regelmäßig Nachrichten von Betroffenen, die offen von Suizidgedanken berichten. Es geht hier nicht um Verwaltungsprozesse. Es geht um Menschenleben.

Was mich dabei besonders erschüttert: Diese Kürzungen kommen in einem Moment, in dem der Bedarf an psychotherapeutischer Versorgung so hoch ist wie nie zuvor. Im Jahr 2024 erhielten 40,9 Prozent aller Erwachsenen in Deutschland eine Diagnose einer psychischen Störung in der ambulanten Versorgung – fast jeder zweite Erwachsene. Die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund psychischer Erkrankungen ist seit 2019 um 50 Prozent gestiegen. Psychische Erkrankungen waren 2024 die häufigste Ursache für stationäre Krankenhausbehandlungen bei Kindern und Jugendlichen zwischen 10 und 19 Jahren – 36,5 Prozent mehr als noch 2004. Und die Suizidrate steigt: 10.372 Menschen haben sich 2024 in Deutschland das Leben genommen – 7,1 Prozent mehr als im Zehnjahresschnitt, und seit 2021 ein Anstieg um 12,6 Prozent. Mehr Menschen sterben durch Suizid als durch Verkehrsunfälle. Die Nachfrage wächst dramatisch – und die Antwort der Politik ist: Kürzung.

Das ist sachlich falsch, fachlich unverantwortbar und menschlich nicht zu rechtfertigen.

Die sachliche Grundlage für diese Kürzungen ist erschreckend dünn. Psychotherapie macht gerade einmal 1,5 Prozent der GKV-Gesamtausgaben aus, während Krankenhäuser 32,7 Prozent und Arzneimittel 17,7 Prozent beanspruchen. Niedergelassene Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten erwirtschaften nach Praxiskosten ohnehin nur halb so viel wie Hausärzte – ohne die Möglichkeit, durch Privatpatientinnen und -patienten zu quersubventionieren. Ausgerechnet die Berufsgruppe mit den niedrigsten Honoraren innerhalb der vertragsärztlichen Versorgung wird nun weiter abgewertet. Die Bundespsychotherapeutenkammer hat dies zu Recht als skandalös bezeichnet. Ich schließe mich dieser Einschätzung vollumfänglich an.

Was mich dabei besonders erschüttert, ist die Art und Weise, wie diese Entscheidungen zustande gekommen sind. Die Finanzkommission Gesundheit, die die zugrundeliegenden Empfehlungen erarbeitet hat, besteht aus zehn Wissenschaftlern – ohne ein einziges Mitglied aus der Psychotherapie, der Psychiatrie, der Psychologie oder der Traumaforschung. Kein Betroffenenvertreter. Keine klinische Praxis. Eine Kommission entscheidet über Millionen psychisch kranker Menschen, ohne ihre Lebenswirklichkeit auch nur ansatzweise zu kennen. Hinzu kommt, dass die Frist zur Stellungnahme der Kammern und Verbände zum Referentenentwurf bewusst so kurz angesetzt wurde, dass eine ernsthafte fachliche Auseinandersetzung kaum möglich war. Das ist keine Gesundheitspolitik. Das ist die Aushöhlung demokratischer Prozesse.

Die Folgen sind absehbar und werden schwerwiegend sein. Praxen werden schließen. Wartezeiten werden weiter steigen. Menschen, die keine andere Wahl haben als die gesetzliche Krankenversicherung, werden noch länger ohne Hilfe bleiben. Die volkswirtschaftlichen Kosten durch psychisch bedingte Arbeitsunfähigkeit beliefen sich 2021 bereits auf 42,9 Milliarden Euro. 10.372 Menschen haben sich im Jahr 2024 das Leben genommen – 7,1 Prozent mehr als im Zehnjahresschnitt. 22 Prozent der Kinder und Jugendlichen leiden unter psychischen Auffälligkeiten. 53 Prozent aller Frühberentungen gehen auf psychische Ursachen zurück. Einsparungen in der ambulanten Psychotherapie heute erzeugen weit teurere Folgekosten morgen – in Kliniken, in Sozialsystemen, in Menschenschicksalen.

Ich fordere deshalb:

Die sofortige Rücknahme der Honorarkürzung von 4,5 Prozent sowie den Stopp aller weiteren Kürzungspläne, die die psychotherapeutische Versorgung betreffen. Die verpflichtende Einbindung von Fachleuten aus Psychotherapie, Psychiatrie, Psychologie und Traumaforschung sowie von Betroffenenvertretern in alle weiteren Entscheidungsprozesse. Und eine transparente, sachliche und multilaterale Auseinandersetzung mit den realen Auswirkungen der geplanten Einschnitte auf die Menschen in diesem Land.

Frau Ministerin, Sie haben einen ausgewogenen Gesetzesvorschlag angekündigt. Der vorliegende Entwurf ist das Gegenteil davon. Die Last liegt einseitig auf den Schultern der Versicherten und der Leistungserbringer – und am Ende vor allem auf denen, die am wenigsten tragen können.

Ich rufe Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft eindringlich auf: Handeln Sie, bevor der Schaden irreversibel ist. Die psychische Gesundheit der Menschen in Deutschland ist kein Verhandlungsgegenstand. Sie ist eine gesellschaftliche Verpflichtung.

Unterzeichnen Sie jetzt die Petition der Betroffenen – initiiert aus unserer Selbsthilfegruppe heraus, von Menschen, die täglich mit den Folgen dieser Politik leben. Über 5.600 Mitglieder stark. Ihre Stimme zählt.

👉 www.openpetition.de/petition/online/sofortiger-stopp-mit-der-zerstoerung-der-psychotherapie

Bitte zeichnen Sie – und geben Sie den Link in alle Ihre Netzwerke weiter.

Mit professioneller und persönlicher Sorge,

Michaela Huber Approbierte Psychotherapeutin | Ausbilderin | Supervisorin | Autorin |  Past-President DGTD e.V. | Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft für bedarfsgerechte Nothilfe

www.michaela-huber.com

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